Sind Sie sicher?

Ich hatte schon Angst, dass ich dieses Wochenende kein Thema zum Schreiben finden würde, aber zum Glück hat mir Maria Fekter aus der Patsche geholfen. Wer das ist fragt ihr euch? Zu Recht, solange ihr nicht aus Österreich kommt. Frau Fekter ist die österreichische Innenministerin und eine sehr gründliche, wie ich finde. Ihre Heldenstunde hatte sie letzten Sonntag. Seit einigen Wochen wütet in der politischen Öffentlichkeit ein Streit um ein Asyl-Erstaufnahmezentrum (den Namen hab ich mir nicht ausgedacht) in einer kleinen Gemeinde im Burgenland. Die widerspenstigen Einwohner dieser Gemeinde, wollen nämlich partout nicht akzeptieren, dass ein solches in ihrem schönen Ort erbaut werden soll. Da können die Christdemokraten von der ÖVP noch so sehr von der Notwendigkeit dieses Zentrums überzeugt sein, die Burgenländer haben eben Angst, schließlich wirbt die FPÖ ja auch öffentlich damit, das die hohe Zahl von Immigranten die Kriminalitätsrate erheblich steigert. Was also tun als braver Burgenländer? Darauf wusste die Innenministerin in der ORF-Pressestunde eine Antwort. Sie schlug vor, man solle die Asylbewerber einfach einen Monat lang in diesen Lagern einsperren. Natürlich wollte sie nicht von einsperren sprechen, sie sprach stattdessen von einer “Anwesenheitspflicht”. Eine elegante Lösung hatte Fekter da aus dem Hut gezaubert, die kriminellen Ausländer wären gut aufgehoben im
Asyl-Erstaufnahmezentrum und die furchtsamen Österreicher könnten wieder beruhigt in ihren Wohnzimmern sitzen. Das der Vorschlag wohl verfassungswidrig ist, bleibt da doch nur ein Formfehler.

Die Österreicher scheinen aber im Allgemeinen ein sehr sicherheitsbedürftiges Völkchen zu sein. Das erfuhr ich, als ich kürzlich bei McDonalds in der Schlange auf mein Essen wartete. Vor mir tat eine schon eher betagte Seniorin das Gleiche . Dachte ich zumindest. Ich wurde eines Besseren belehrt. Die Seniorin kam wohl etwas zu dicht an ihren Vordermann heran, daraufhin drehte der sich energisch um und sagte: “Beklauen sie mich hier etwa?” “Wie kommen sie denn darauf?”, antwortete sie etwas verdutzt, dann war für eine Weile Ruhe. Für meine Freunde und mich war schon dieser kurze Vorfall eine willkommene Abwechslung bei der ganzen Warterei, der Mann hatte sein Pulver allerdings noch nicht verschossen. Kurz bevor er an der Reihe war drehte er sich noch einmal um und sagte: “Achtung, hier kommt die Ursula.”, es war offenbar die Seniorin gemeint, dann fügte er an mich gewandt hinzu: “In Wien da können sie niemandem glauben. Da ist selbst die netteste Oma eine Diebin. In der edelsten U-Bahn Linie, der U4, da ist mir schon ALLES geklaut worden!”. Wow, das schockierte mich auf zweierlei Weise, zunächst wusste ich nicht, dass eine U-Bahn Linie edel sein konnte und dann schien quasi ganz Wien wie die Bronx zu sein. Kein Wunder, dass die Österreicher nach mehr Sicherheit verlangten. Die diebische Alte hat dann übrigens einem Obdachlosen zwei Hamburger und eine Cola gekauft.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Stadtgeschichten

Wenn man plötzlich nichtmehr dazugehört

Es gibt viele Dinge, die ich immer schon machen wollte, aber mich nie getraut habe. Eine heißt das Mädchen in der Bahn. Manchmal passiert es, dass ich auf der Straße oder in der Bahn ein wirklich umwerfendes Mädchen sehe und mit umwerfend meine ich umwerfend, nicht die Sorte “ganz nett” oder “sieht gut aus”, sondern mehr in Richtung “hat mein Herz eben kurz aufgehört zu schlagen? Ich weiß es nicht, ich war damit beschäftigt dich anzustarren.”, bedrückend schön also. Das Problem an diesen seltenen Momenten ist, dass man nicht vorbereitet ist. Es ist hellichter Tag, man sitzt fest im Alltagstrott, und dann trifft es einen ganz unerwartet. Abends beim Weggehen stellt man sich darauf ein, das Ansprechen fällt leichter. Jedenfalls gab es schon einige solcher Situationen und hinterher dachte ich immer: Verdammt! Denn leider sind diese Momente auch so flüchtig.

In der Bahn also wurde ich Zeuge einer solchen Begegnung. Mir gegenüber nahm ein Mädchen platz, ich las und schenkte ihr keine weitere Aufmerksamkeit. Im Folgenden allerdings trug sich etwas zu, das mich von meinem Buch ablenken konnte. Ein Typ kam herüber, er sagte: “Hey, du freust dich immer so wenn ich dich sehe.” Ungewöhnlich, aber gut, er hatte sich getraut, was ich sonst kaum fertig brachte. Das Mädchen reagierte quasi mit noch mehr Freude, sie kicherte verlegen, errötete, sah zur Seite, der Typ lies sich allerdings nicht verunsichern und führte das entstehende Gespräch fort. Die beiden schienen sich häufiger am Bahnhof zu sehen, aus ihrem Gespräch konnte ich entnehmen, dass sie sich gegenseitig schon vorher aufgefallen waren, er hatte also doch einige Anläufe gebraucht, bis er all seinen Mut zusammengerafft hatte und sie nun endlich ansprach. Merkwürdig ist aber, in welche Richtung sich so ein Gespräch entwickeln kann. Ich erinnere mich nicht an seinen Namen und auch nicht an ihren, allerdings erinnere ich mich an etwas anderes: “Ja, meine Freunde in der Schule nennen mich auch Cindy, Cindy aus Marzahn.” , sagte sie da plötzlich, und ich fragte mich, wie man auf die Idee kommt bei einer ersten Begegnung so etwas zu erzählen, und damit war längst noch nicht Schluss: “Naja, sie sagen halt ich rede so und sehe so aus oder so.”, führte sie fort, als er nur verständnislos guckte. Warum? Ich weiß nicht wer von euch Cindy aus Marzahn kennt, aber in meinen Augen ist diese im schlechten Fernsehen auftretende Kunstfigur ein ganz und gar nicht zu erstrebender erster Eindruck. Das war nicht meine Welt, ich hatte mir so eine U Bahn Begegnung irgendwie magischer vorgestellt, vielleicht auch nur eine naive , verklärte Anwandlung von Romantik oder aber Kitsch.

Gestern habe ich festgestellt, was außerdem irgendwie nicht meine Welt ist. Eigentlich war es meine Welt, aber an diesem Abend, konnte ich mich emotional nichtmehr mit einer Ansammlung von betrunkenen Jugendlichen auf eine Wellenlänge bringen, dabei war ich es selbst und bin es noch – Jung, nicht ständig betrunken-. Die Rede ist vom Weggehen und um das näher zu definieren, vom Weggehen in Clubs. Wir hatten uns vorher getroffen, hatten getrunken, es war mein erster Abend in Wien seit einigen Wochen. Flex stand auf dem Programm, ich war stark angeheitert, drinnen war es voll, draußen kalt, die Musik laut – ein perfekter Abend, um betrunken umherzutorkeln (tanzen) und dabei vielleicht zufällig ein Mädchen zu “treffen”. Bemüht habe ich mich, ich hab getrunken, getanzt, versucht eine fulminante Nacht zu verbringen. Irgendwann kam aber der Punkt, an dem ich mich fragte, was ich da eigentlich mache. Ich konnte trotz hohem Alkoholisierungsgrad und einigen knapp bekleideten Mädchen der Sache nichts mehr abgewinnen. Irgendwann stand ich am Rand über eine Brüstung gelehnt und beobachtete nur noch, was um mich herum geschah. Menschen in einem Club sehen merkwürdig aus, wenn man sie einmal ganz nüchtern betrachtet. Sie reden, sie bewegen sich komisch -es gibt unglaublich wenig Leute, die wirklich tanzen können- , sie sind überdreht und sie sehen fertig aus. Mit welchem Ziel? Ich wette, dass mindestens 90% der männlichen Clubgänger nur das Ziel haben Frauen abzuschleppen, bei den Frauen bin ich mir da nicht so sicher, die meisten, die ich dazu befrage behaupten, sie würden nur kommen um zu tanzen, ich glaube das jetzt hier mal. Mir erschien der Abend jedenfalls unbedeutend und ziellos, plötzlich hatte ich das Gefühl nichtmehr dazuzugehören, die morphende Menge war dort und ich war ein Fremdkörper. Wenigstens war da noch Sophie, die mir durchs Haar wuschelte, als ich den Kopf senkte.

Schön ist auch, wie eine Freundin auf den Text reagiert hat. Sie sagte ich wirke so menschlich, wie ich erkenne, dass dieses ganze Nachtleben, Frauenabschleppding eigentlich sinnlos ist. Als hätte ich mich einer geistigen Reinigung unterzogen. Einer Karthasis. Ganz unschuldig war ich dann aber doch nicht, schließlich war da noch Sophie. Die Läuterung muss also noch warten, vielleicht bis zum nächsten Wochenende.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichten

Alles beim Alten

Eigentlich schreibe ich diesen Eintrag nur wegen des ersten Satzes: 00:00 Uhr habe ich auf dem Klo verbracht! Ja richtig, auf dem Klo. Ein neues Jahrzehnt und ich saß auf der Schüssel. Eigentlich super das nächste Jahr so einzuleiten, man spart sich den ganzen Stress mit den Sektgläsern, den krampfhaft Telefonierenden und den nicht enden wollenden Glückwünschen zum Neuen Jahr. Nicht, dass ich es unbedingt geplant hatte mich zum Höhepunkt der Nacht in der Toilette zu verkriechen, aber auf der Party bei Carl gab es nur ein (!) Klo und das konnte man auch nicht abschließen. Mir schien also die Idee mich zum Jahresbeginn, wenn alle auf der Straße tanzen, erstmal in Ruhe zu setzen als eine ganz vorzügliche. Schön wars. Bequem wars. Auch nach 12 darf man noch “Frohes Neues” wünschen, also warum nicht?
Im Moment bin ich wieder zu Hause. Das erste Mal seit ich mein Studium in Wien angefangen habe bin ich wieder hier. Ich hab mich sehr auf zu Hause gefreut, auch wenn ich das vorher nie vermutet hatte, aber so war es. Nicht, dass ich es schlimm gehabt hätte, aber ich war eigentlich nie der Typ für Heimweh. Da war allerdings noch die Sache mit der Angst, in vielen Büchern, Filmen, Serien, Blogs habe ich hin und wieder gelesen, dass man sein Elternhaus, so wie man es kannte mit dem Auszug für immer verlässt und es auch nie wieder zurückbekommt. Mit ruhigem Gewissen kann ich den Studentinnen und Studenten, den Davongelaufenen und allen anderen, die das behauptet haben gewissermaßen einen großen Batzen Schnee in die Hose stopfen und sagen: “Ha, mit mir nicht!” Zu Hause ist noch immer zu Hause, mal sehn wie lange noch.
Zu Hause heißt dann auch wieder Berlin. Hier hat sich auch nicht viel verändert, aber manche Dinge fallen einfach viel mehr auf wenn man sie eine Weile lang nicht gesehen hat. Die Straßen sind größer in Berlin. Größer und breiter. Berlin ist insgesamt ziemlich groß. Ich hab das bei Wikipedia mal überprüft: Berlin ist 891,85 km² groß, Wien aber nur 414,89 km², Wien ist also wirklich nicht einmal halb so groß wie Berlin. Das ist mir aufgefallen. Was mir auch aufgefallen ist, ist, dass Wien nicht einmal halb so gut ankommt wie Berlin. In Wien reagierten die meisten Leute sehr ähnlich wenn ich ihnen erzählte, dass ich aus Berlin komme. Sie sahen mich entgeistert an und fragten was zu Hölle ich denn in Wien wolle wenn ich doch aus Berlin komme. Ich hab das hier also mal ausprobiert. Im Bang Bang Club bei einem Mädel das da an der Bar lehnte. Der Abend war sowieso langweilig, um es freundlich auszudrücken, es war etwas unbelebt, was entweder daran liegt, dass der erste Weihnachtsfeiertag war oder daran, dass es im Bang Bang Club viel zu oft leer ist. Ich ging also zu ihr hin und erzählte ihr frei heraus, das ich aus Wien komme. Sie wirkte allerdings nicht besonders interessiert und entgeistert schon gar nicht. Das war also nichts, man kann die meisten Großstädter allerdings wunderbar in ihrem patriotischen Stadtstolz verletzen, bei Berlinern geht das besonders gut. Wenn sie also schon von Wien nicht beeindruckt war wollte ich sie wenigstens ein bisschen aus der Reserve locken. “In Wien ist aber mehr los, ich bin ja nach Berlin gekommen, weil das die Party Metropole sein soll und so…” Sie sprang auch sofort darauf an und beteuerte, dass hier sonst der Bär steppt oder wie man das in Berlin sonst so nennt. Also weiter: “Weißt du nicht wo man sonst noch hingehn könnte? Muss doch noch irgendwas anderes geben.” Wusste sie nicht, sie kam aus Zehlendorf, alles klar, auch da war also noch alles beim Alten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichten

Vom unbewussten Kontrollverlust

Manchmal frage ich mich doch wieviel ein paar Bier oder eine Flasche Wein tatsächlich bewirken können. Sicherlich ist niemand vor Selbstüberschätzung gefeit -und ganz besonders nicht ich- aber eigentlich bin ich immer davon ausgegangen, dass ich auch mit viel Alkohol ganz gut umgehen kann. Offensichtlich wird die Selbstüberschätzung aber erst dann, wenn man die selben oder doch ähnliche Situationen die man sonst nur im minder bis mehr angeheiterten Zustand erlebt auch mal in völliger Abstinenz mitbekommt.

Da fällt mir meine Bekannte Alina ein. Das erste mal traf ich Alina im Flex. Flex ist immer so eine Sache, eigentlich gefällt es mir im Flex, aber ich war noch nie im Flex ohne dort oder vorher ordentlich was getrunken zu haben. Viele von euch kennen das bestimmt, man kann sich früh an einem Abend entscheiden der verspricht sagen wir nicht unbedingt anspruchsvoll zu werden. Und damit meine ich nicht diese grausamen Abende die mit “Finest R’n'B, House und Hits” locken, nein ich meine einen ganz normalen Clubabend an dem man nicht mit besonders interessanten Personen oder Gesprächen rechnet. An so einem Abend kann man sich also früh entscheiden, entweder man fängt an zu trinken und der Abend wird hoffentlich mit jedem Drink besser, was nicht heißt, dass der Abend an sich schlecht ist, sondern mehr, dass er nicht besonders spannend ist, oder man geht früh nach Hause. Im Flex entscheide ich mich also meistens früh zu trinken.

Fraglich ist dann aber doch, welche Art Frauen ich unter Einfluss dieser Drinks kennenlerne. Ich bin also wieder bei Alina. Alina fand ich durchaus interessant und dass ich sie nicht gleich mit zu mir nehmen konnte machte sie durchaus interessanter. Alina ist also eigentlich nicht die klassische Clubbekanntschaft, ich habe sie aber wiedergesehn. An vielen Wiederholungen solcher Clubabende und sie wurde immer interessanter. Seit kurzem ist Alina auch mit meiner Mitbewohnerin befreundet. Wie es der Zufall so will trafen sich also meine Mitbewohnerin und Alina bei uns in der Wohnung, weil sie später zusammen weggehen wollten. Normalerweise gehe ich gerne mit meiner Mitbewohnerin zusammen weg, aber weil ich von einem anstrengenden Studium geplagt bin -und die, die mich kennen werden jetzt vielleicht schmunzeln- hatte ich am nächsten Morgen eine wichtige Prüfung und schloss mich den Nachtkatzen deshalb an diesem Tag nicht an.

Alina war also bei uns und ich war nüchtern. Um das nochmal zu bemerken, ich fand Alina wirklich bezaubernd, eine Klasse-Frau um es mal so auszudrücken. Alina aber war laut. Sie war eine von denen, die auf mich immer sehr gekünstelt wirken. Laut und oft lachend. Eine Art Frau die mich normalerweise nicht besonders beeindruckt. Gut man könnte jetzt einwerfen, dass ich an den vielen “klassischen Clubabenden” nicht viel mit ihr geredet hatte, und das wollte ich auch einwerfen, allerdings muss dann ihr Aussehen stimmen, nicht das ich da immer besonders glücklich in meiner Wahl wäre, aber bei einer vermuteten Klasse-Frau, die ich schon mehrmals gesehen hatte sollte mein Blick doch sicher sein. Ich musste feststellen er war es nicht. Ich möchte sie natürlich nicht verletzen und muss sagen sie sieht auch wirklich, wirklich gut aus, aber sie war alt. Ich hatte schon einmal so ein Erlebnis, sie war damals 27 und ich war stolz, aber das ist keine Geschichte für jetzt. Alina war 26 und man sah es ihr an. Das muss man jetzt natürlich näher erklären. Ich bin 19 und ich weiß, dass mit 19 noch ein Großteil der Menschen alt ist und man muss das Alter ja auch immer relativ betrachten, 26 ist jetzt nich per se alt, in Relation zu meinem Alter aber.., jedenfalls stellte ich mir in dem Moment als sie das Zimmer betrat die Frage, ob ich nicht doch hin und wieder die Finger von den Drinks lassen sollte um mich etwas mehr Realität zu stellen. Der unbewusste Kontrollverlust ist doch oft größer als ich dachte.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichten