Alle guten Nächte beginnen mit Shots und auch alle schlechten Nächte beginnen mit Shots. Man kann dabei vorher nicht genau sagen, ob es eine gute oder schlechte Nacht wird. Das Problem an Shots ist meistens, dass man sich bei der Menge verschätzt. Man trinkt und vom einen auf den anderen Moment ist man weg. Die Erinnerung an die jeweils gute oder schlechte Nacht ist häufig eher getrübt und so muss man sich oft von anderen erzählen lassen, was denn eigentlich passiert ist. Samstagnacht fehlt mir auch, aber auch mein Kompagnon Robert, der gerade aus Rumänien zu Besuch war, kann mir bei der Suche danach nicht helfen.
Wir waren in einer Kneipe auf der Geburtstagsparty meiner Mitbewohnerin. Gerade erst waren wir angekommen, aber schon als ich von der Toilette zurückkehrte, war Robert an der Bar tief in ein Gespräch mit der Kellnerin vertieft. Ich gesellte mich zu ihnen und es entwickelte sich eine nette Unterhaltung. Wie sich herausstellte war die Kellnerin (Laura) öfter in Berlin und so diskutierten wir die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Berlin und Wien. Laura gefiel besonders an Berlin, dass es dort eine Kiezstruktur gibt und, dass die Menschen im Allgemeinen toleranter und lockerer sind als in Wien. Den ersten Shot gab sie mir aus, weil sie der Meinung war, ich hätte einen Sprachfehler, sie behauptete, ich lispele. Ich war zwar etwas beunruhigt und lispelte tatsächlich, wenn ich lispeln sagte, aber der Wodka beruhigte mich schnell wieder. Ein weiterer interessanter Aspekt des Abends war, dass Robert und ich uns unser Bier selbst zapfen konnten. Wir durften es vermutlich nicht, aber Laura hatte schließlich noch den Rest der Party zu bedienen und so konnten wir das ein oder andere Bier umsonst ergattern.
Die Nacht wurde älter und wir mit ihr. Wobei mit älter gemeint ist, dass wir uns weniger koordiniert bewegen konnten und auch unsere Fähigkeit uns auszudrücken zusehends schwand. Laura hatte hinter der Theke ordentlich mitgetrunken und gab uns hin und wieder einen Wodka aus. Kurz vor der letzten Runde, kamen auch die anderen Übriggebliebenen an die Bar und es gab noch einmal ein paar Wodka, Laura war inzwischen definitiv betrunken und auch wir hätten wohl kein Zielschießen mehr gewonnen.
Wir verließen also die Lokalität und machten uns auf den Weg ins B, Robert hatte noch etwas Wodka-Energy dabei und auch den müssen wir wohl vernichtet haben. Ab hier wird die Erinnerung dann Bruchstückhaft. Irgendwie haben wir es noch ins B geschafft und ich meine mich zu erinnern, dass uns die Türsteher dann relativ schnell rausgeworfen haben. Schon was im B passiert ist weiß ich nichtmehr und das nächste woran ich mich erinnern kann ist ein Feuerlöscher. Robert und ich waren irgendwo auf der Straße und ich hielt einen Feuerlöscher in der Hand. Außerdem eine Metallstange, die hier in Wien im Winter überall an den Häuserwänden befestigt sind. Robert trug ein Straßenschild und eine schwarze Aufstelltafel, wie sie vor Kneipen zu finden ist, mit sich rum. Wo zum Teufel hatten wir nur den Feuerlöscher her? Die anderen Dinge ließen sich noch leicht erklären, aber ein Feuerlöscher?
Wir waren jedenfalls fest davon überzeugt, dass wir unsere Beute unbedingt mit nach Hause nehmen mussten und machten uns auf den Weg. Ich frage mich noch immer, wie ich mich auf dem Weg vom B zu mir verlaufen konnte. Man muss sich das so vorstellen: Vom B läuft man zehn Minuten nur geradeaus, dann ist man bei mir. Ich bin fast jede Woche im B und finde den Weg eigentlich blind. Wir aber waren irgendwo und ich hatte nicht den blassesten Schimmer wo das war. Wir zogen also immer am Gürtel entlang und suchten mein zu Hause. Irgendwann ging uns auf, dass die Polizei uns vielleicht anhalten würde und so verließen wir die große Straße, um uns in den kleinen Nebenstraßen noch hoffnungsloser zu verirren.
Wir müssen schon ein lustiges Bild abgegeben haben, einem Freund, dem wir die Story erzählten, fiel dazu spontan ein wir seien “moderne Spartaner” , wegen der spitzen Metallstange. So taumelten wir beide jedenfalls durch die Nacht Sparta bzw. zu Hause allerdings nicht findend. Auf dem Weg verloren wir irgendwann die schwarze Aufstelltafel und nachdem ich wohl an die 10 Taxifahrer nach der Richtung gefragt hatte, beschlossen wir wieder zum Gürtel zurückzukehren. Ein fataler Fehler wie sich herausstellte. Wir waren noch nicht lange auf der großen Straße gegangen, da sah ich neben uns einen Wagen der Staatsmacht rollen. Ich wies Robert schnell darauf hin, wir warfen unsere Beute auf den Boden und liefen schnell weiter. Die Staatsmacht hatte natürlich alles gesehen und stoppte mich an der nächsten Einmündung mit ihrem Auto. Robert war auf und davon.
Das folgende Gespräch lässt sich durchaus in den Bereich der Völkerverständigung einordnen. Die beiden Beamten stiegen aus, verlangten meinen Personalausweis und begannen mit ihrer Befragung. “Was wollten sie denn mit dem Feuerlöscher?” “Welcher Feuerlöscher?”, lallte ich und bemühte mich dabei verdutzt zu klingen. “Der den sie da eben noch getragen haben.” “Ach, der.”, sagte ich und machte eine kurze Pause.”, “Der lag da hinten irgendwo rum.”. “Ja und was wollten sie damit?” , bohrte der Bulle weiter, “Ich wollte den da vorne an die Kreuzung tragen damit man ihn besser sieht.”. “Warum denn das?”, fragte mein Gegenüber entgeistert, “Naja damit den jemand wiederfinden kann.”, sagte ich und war inbrünstig von meiner Wohltat überzeugt. “Und was wollten sie mit dem Kraken?” “Dem was?” “Dem Kraken.”, wiederholte der Polizist und ich hatte mich offenbar nicht verhört. “Ich hatte keinen Kraken.”, sagte ich, “Natürlich, den haben sie doch eben mit der jungen Dame zusammen getragen.”, entgegnete der Polizist. Der andere Beamte sah schon etwas ungeduldig drein und auch mir wurde das langsam zu viel. “Ich hatte doch keinen Kraken.”, wiederholte ich, jetzt schon ernsthaft erzürnt. “Natürlich, jetzt lügen sie mich nicht an. Der liegt doch da hinten.” “Nein, da liegt ein Feuerlöscher und zwei Verkehrsschilder.” “Ja, das heißt hier bei uns so, Kraken, das ist das Verkehrsschild.” Komisches Land, dachte ich, Kraken? Wer nennt denn ein Verkehrsschild Kraken? “Achso.”, sagte ich dann und der Mann in blau schien aufgegeben zu haben. “Ihre Adresse bräuchte ich dann noch bitte.” “Die haben sie doch.”, sagte ich und deutete auf den zweiten Beamten, der meinen Personalausweis in der Hand hielt. “Nein nicht ihren Namen, die Adresse.” “Na die steht doch da drauf.” “Nein, ihre Adresse in Österreich.” “Achso.”, sagte ich einmal mehr und diktierte dem Beamten meine Adresse. “Gut und jetzt noch die Telefonnummer.” “0-1-7-8″, fing ich an, da unterbrach mich der Beamte schon, “Wollen sie uns hier verarschen, was ist denn das für eine Vorwahl.” “Das ist meine Vorwahl.”, sagte ich trotzig. “Die gibt es nicht.”, sagte er und wollte schon mit erhobenem Finger fortfahren, als ihn sein Kollege anstupste: “Ich glaube das ist eine deutsche Nummer.”, sagte er. “Achso, also 0049 und weiter?” Ich diktierte ihm dann meine Telefonnummer zu Ende und danach entließen mich die Beamten mit den mahnenden Worten, dass ich vielleicht noch eine Anzeige wegen Sachbeschädigung bekommen würde. Mir ist wirklich schleierhaft, warum sie mich nicht gleich mitgenommen und in die Ausnüchterungszelle gesteckt haben, einen vernünftigen Eindruck kann ich nämlich nicht hinterlassen haben. Ich lief also weiter und an der nächsten Straßenecke traf ich auch Robert wieder, nach Hause fanden wir dann ziemlich schnell, es waren noch ca. 100 Meter. Zum Glück waren die Spartaner nicht so betrunken, als sie ihre Schlachten schlugen, ansonsten hätten sie es wohl nicht zum kriegerischsten Volk im antiken Griechenland gebracht.